Psychologische Morphologie

Die Grundlage unseres psychologischen Arbeitens, bildet die psychologische Morphologie.

Die psychologische Morphologie ist eine psychologische Theorie, die von Wilhelm Salber Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde.

Im Grunde befasst sich die Wissenschaft der Morphologie (von altgriechisch morphé „Gestalt, Form“, und lógos „Wort, Lehre, Vernunft, Sinn“) mit dem Sinn einer Gestalt in Entwicklung.

Das hört sich zunächst kompliziert an, dahinter verbirgt sich aber nur die Frage nach dem „Warum ist etwas so wie es ist, wie ist es so geworden wie es ist und wie könnte zukünftige Entwicklung gestaltet werden?“.

In der biologischen Morphologie wird z.B. beschrieben wie aus einer Raupe ein Schmetterling wird oder wie aus einem Samen ein Baum wächst und welche Phasen des Wachstums er durchlebt hat und welche Einflüsse ihn geprägt haben um ihn so erscheinen zu lassen wie er momentan aussieht (unter berücksichtigung der Umwelteinflüsse z.B. Sonneneinstrahlung, Bewässerungsengpässe etc.).

In der psychologischen Morphologie liegt der Fokus auf der Psyche (altgriechisch ψυχή Seele) also dem „Seelenleben“.

Dieser Begriff hört sich sehr hochtrabend oder auch esotherisch an, meint aber: wie wir unsere Wirklichkeit erleben und wie wir uns in ihr verhalten.

Das kann man aus Sicht der psychologischen Morphologie auf Einzelpersonen beziehen oder aber auch eine ganze Organisation z.B. Schule. Einzelpersonen werden z.B. in einem klassischen Therapie- oder Beratungs-Setting beraten, indem man die individuelle Problemlage analysiert und behandelt. Eine Organisation wird aus meheren Perspektiven betrachtet z.B. durch Interviews oder Workshops mit Beteiligten, um die allgemeine Zusammenhänge herauszustellen mit denen man dann Arbeiten kann. Das heißt, dass die Morphologie in der Lage ist Übergeordnete Strukturen/seelische Konstrukte zu beschreiben und dadurch zu verstehen und zu beraten.

Als Beispiel soll ein Schulalltag herangezogen werden. In einer Schule treffen viele unterschiedliche Seelenleben aufeinander (Schüler, Lehrer, Eltern, Behörden etc.), diese müssen einen Umgang miteinander etablieren/kultivieren und das passiert unbewusst/automatisch und entwickelt sich über Jahre immer wieder. Dieser Prozess wird durch viele unterschiedliche Anforderungen individuell aus-gestaltet aber es lassen sich auch immer wieder Züge finden die viele Schulen gemeinsam haben z.B.  Unterrichtsstundendauer (45 Minuten), Gestaltung des Wissenstranfsfers (Frontalunterricht etc.), Pausenausgestaltung etc.. Auch wenn der Prozess unbewusst gestaltet wird, ist er gestaltet/konstruiert und dieses „Gestalt-Konstrukt“ hat manchmal Stellen an denen es knirscht und drückt (das sind Stellen die man als störend beschreibt, z.B. Mobbing, Drogengebrauch in der Schule, Dazwischenquatschen etc.). Dort setzt die Morphologie an und hilft durch Beschreibung des „seelischen Konstrukts“ diese Stellen zu verstehen und dadurch sinnvoll anzugehen.

Um diese unbewussten Prozesse/Gestalten fassen zu können bedient sich die Morphologie der phänomenologischen Beschreibung.

Wikipedia sagt dazu:

Phänomenologie bedeutet wörtlich übersetzt Erscheinungslehre[1](von griechisch phainomenon „Sichtbares, Erscheinung“; logos „Rede, Lehre“). Sie ist eine Methodik der Wissenschaften und widmet sich der Beschreibung und Einteilung der Erscheinungen (Phänomene) in der Natur und Gesellschaft. Diese Arbeitsweise ist kennzeichnend für eine deskriptive Wissenschaft.

Frei übersetzt heißt das, dass wir die Phänomene/Dinge beschreiben wie sie sind und wie sie sich aus sich selbst heraus zeigen. Wir gehen also nicht nur mit unseren eigenen Vor-Urteilen in die Beratung. 

Als Beispiel soll eine Störung im Unterricht im Kontext Schule dienen. Auf der einen Seite kann man hier von einem individuellen Ärgernis ausgehen (der Schüler hält sich nicht an Grenzen und der Lehrer ist darüber verärgert), doch dieses Ärgernis betrifft jeden einzelnen in dem Klassenraum, jeder wird davon auf irgendeine Art berührt/beeinflusst. Das heißt in einem Klassenraum gestalten alle Beteiligten ein gemeinsames Werk. Daran sind alle beteiligt, der Lehrer der sich aufregt, die Schüler die stören, die Schüler die dem Lehrer beipflichten, die Schüler die sich stillschweigend amüsieren usw. 

Und dieses Gemeinsame Werk hat einen unbewussten Sinn (ähnlich wie jede kleine Niete im Eifelturm ihren Teil zum Gesamten Werk beitragt), also hat auch die Störung einen Sinn für das betroffene System (in diesem Fall der Klassenverband).

Neutral beschrieben handelt es sich um eine Störung/Unterbrechung des laufenden Geschehens (des Unterrichts). Der Sinn ist also etwas Störendes (für den Lehrer und einige Schüler) und zugleich Erheiterndes/Auflockerndes (für die Störenfriede und deren „Publikum“). Auch wie die Störung/Unterbrechung gestaltet wird, gibt auskunft über das gemeinsam gestaltete Werk.

Um diese Störungen langfristig zu behandeln, müssen wir zunächst den Sinn der Störung verstehen (dies machen wir wie oben beschrieben, indem wir die verschiedenen Perspektiven betrachten und in einen Zusammenhang bringen), um aus diesem Verständnis zielführende Handlungsempfehlungen ableiten zu können.